Archiv der Kategorie: Buchempfehlungen

In dieser Kategorie finden sich Buchempfehlungen für Erwachsenen

Wer wir sind – Ein Roman für Leser, die sich auf eine Geschichte einlassen mögen!


Gorelik, Lena
Wer wir sind
Berlin: Rowohlt, 2021

Standort: Schöne Literatur
Signatur: Gore

„Wer wir sind“ ist ein autobiographischer Roman. Ich gebe zu, er hat mich herausgefordert. Der Einstieg fiel mir nicht leicht und es dauerte ca. 50 Seiten, bis ich mich an Sprache und Stil gewöhnt hatte. Aber dann hat mich die Geschichte gepackt!

Lena kommt als 11- jährige Anfang der 90iger Jahre mit ihrer jüdischen Familie aus Russland nach Deutschland. Die Eltern, beide hochgebildet, studiert und mit akademischen Abschlüssen als Ingenieure, möchten, dass es ihre Kinder einmal leichter und besser haben als in St. Petersburg.

Lena setzt sich sehr ausdrucksstark mit ihrer Kindheit in diesen ersten Jahren in Deutschland auseinander. Mit großen Hoffnungen und vielleicht auch falschen Erwartungen startet die Familie in ihr neues Leben. Sehr schnell wird die Illusion durch die Realität ersetzt. Eineinhalb Jahre lebt die 5-köpfige Familie in äußerst beengten Verhältnissen im Asylantenheim hinter Stacheldraht am Rand einer schwäbischen Kleinstadt. Die Eltern müssen sich mühsam die neue Sprache aneignen, was bis heute nur unzureichend  gelingt. Sie müssen auch feststellen, dass ihre russischen Diplome in Deutschland nicht anerkannt werden und sie außerdem für den deutschen Arbeitsmarkt zu „alt“ sind. Der Vater geht in einer Fabrik einer ungeliebten Arbeit nach, die Mutter geht putzen. Hier wie dort sind sie die „Anderen“ und „Zuhause“ ist und bleibt im Gefühl St. Petersburg.

Lena hat Glück, sie ist intelligent und eine gute Schülerin, sie überspringt eine Klasse und legt ein erstklassiges Abitur ab. Aber für Gleichaltrige bleibt sie immer eine Außenseiterin und Streberin und so wird die Bibliothek einer ihrer Zufluchtsorte. Schon früh möchte sie Schriftstellerin werden, und die Aufnahme an der Journalistenschule in München ist ihr Versuch, ihre Herkunft hinter sich zu lassen. Sie schämt sich anfangs ihrer Herkunft und ihrer Andersartigkeit, auch ihrer Familie und am meisten darüber, dass sie sich schämt.

Erst als sie selbst eine Familie hat, hinterfragt sie ihre Haltung und nähert sich ihrer Familie wieder an.

Besonders gefällt mir an diesem Roman, wie reflektiert die Gedankengänge sind und wie Lena, je erwachsener sie wird, auch anfängt darüber nachzudenken, wie ihre Eltern die ganze Situation erlebt haben. Und welche Gefühle bei ihren Eltern herrschten, die ebenfalls alles Gewohnte und Liebgewordene zurücklassen mussten.

Marie-Therese Fritzen-Einfeldt
(in der Freistellungsphase)

Prekäre Verhältnisse, aber mit Menschenwürde

Herwig, Ulrike
Das Glück am Ende der Straße
München: dtv, 2021

Standort: SL
Signatur Herw

Das Konzert  am vergangenen Wochenende in Kiel „Gegen die Kälte“ zugunsten obdachloser Menschen brachte mich auf die Idee, Ihnen genau dieses Buch zum Lesen zu empfehlen, dass ich gerade vorher beendet hatte.

Elli, alterslos, im Oma-Alter, mit einer erwachsenen Tochter, ist aufgrund einer postnatalen Depression aus ihrem eigentlich gutbürgerlichen Leben in die Obdachlosigkeit abgedriftet. Ihr Mann hat ihr die Tochter aufgrund ihrer psychischen Veranlagung entfremdet und entzogen. Elli hält sich tagsüber im Park auf, nachts schläft sie momentan in einer vermeintlich leerstehenden Gartenlaube. Am Tag besucht sie das Hannah-Haus, wo sie eine kostenlose Mahlzeit und vor allem die Möglichkeit zu duschen und Wäsche zu waschen erhält. Sie ist bestrebt, möglichst unauffällig und ohne Ärger zu provozieren, durch ihren mühsamen Alltag zu kommen.

Im Park lernt sie die Kinder Leonie, Ruben und Fiona kennen. Ihre Eltern: Lisa, eine gestresste Lifestyle-Journalistin, der Vater, Mark, ein begeisterter Technik-Freak, der alles im Haus mit einer App versehen muss, sogar den Kühlschrank, damit man beim Einkaufen sehen kann, was man noch einkaufen sollte.

Aufgrund ihrer Lebenserfahrung hat Elli gute Tipps für die drei Kinder. Für Leonie ist sie eine Ersatz-Oma, denn Leonies Omas sind überall, aber nicht für Leonie da. Ruben wird von Schulkameraden gemobbt, bis Elli ihn zu ihrem Freund Kalle schickt, der dem Jungen zeigt, wie er sich effektiv wehren kann. Fiona wiederum wird von ihrem Freund verlassen und Elli und ein anderer Obdachloser können sie gerade noch retten, bevor Fiona ihrem Leben aus Verzweiflung auf einer Brücke ein Ende setzen will.

Die Mutter der Kinder wundert sich über die Lebensweisheiten, die ihre Jüngste seit Neuestem zum Besten gibt, dass der Mittlere plötzlich anfängt, seine Mitschüler zu schlagen und dass Fiona ihr erzählt, dass Elli sie vom Selbstmord abgehalten hat. Elli versinkt nie in wirkliches Selbstmitleid, Sie ist reflektiert und weiß, dass sie selbst zum größten Teil Schuld an ihrer Lebenssituation hat. Ihre große Liebe, Max, hat sie durch ein dummes Missverständnis für immer verloren. Was mir an diesem Roman besonders gut gefällt, ist die Tatsache, dass sich Elli ihrer Situation bewusst ist, dass sie ihre Würde jederzeit versucht, zu bewahren und sich nicht dem Alkohol ergibt. Elli findet es schrecklich, dass es mit ihr so weit gekommen ist. In Gedanken schreibt sie Briefe an ihre Tochter, in denen sie ihr erklärt, wie alles so gekommen ist und wie sie sie vermisst und ihre Fehler bereut. Elli ist am Ende des Buches durch ihr Leben auf der Straßen schwer krank und nur durch Glück und die Tatsache, dass Leonie ihren Erzählungen aufmerksam zugehört hat, verdankt sie ihre Rettung in letzter Sekunde.

Bei diesem schönen Roman stört mich das Happy End nicht, denn es ist schlüssig. Besonders gefällt mir die Botschaft, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, und dass dieser Grundsatz für alle Menschen gilt, egal ob sie vom Schicksal begünstigt oder benachteiligt sind.

Marie-Therese Fritzen-Einfeldt
(Diplom-Bibliothekarin)

Die Farbe von Glück – ein poetisch philosophischer Roman

Cover aus Koha


Bagus, Clara Maria

Die Farbe von Glück – ein Roman über das Ankommen
München: Piper, 2020


Standort: SL
Signatur: Bagu

Bei diesem Roman kam ich ins Nachdenken über die Dinge, die in einem Leben wichtig sind. Zum Inhalt: Der Richter Jules zwingt die Krankenschwester Charlotte, sein eben geborenes kränkliches Kind gegen das gesunde Kind einer anderen Mutter auszutauschen. Wäre sie ihm nicht zu Willen, würde er dafür sorgen, dass sie ihren geliebten Ziehsohn, den kleinen Antoine, verliert. Diese Tat, die sowohl das Leben von Jules und seiner Familie, als auch das von Charlotte und Antoine nachhaltig verändert und prägt, hat Auswirkungen auf viele Beteiligte. Doch die Fügungen des Lebens zeigen, letztendlich kommt alles zu einem guten Ende.

Jules leidet sein Leben lang unter seiner Entscheidung, die er aus Sorge um seine Frau Louise getroffen hat, die schon drei Fehl-und Totgeburten hinter sich hat. Trotzdem ist er seiner vertauschten Tochter  Florentine ein sehr liebvoller Vater und ermutigt sie, unbeirrt ihren eigenen Lebensträumen zu folgen.

Charlotte, die ebenfalls nur schwer mit ihrer Schuld leben kann, flieht mit dem kleinen Antoine, der im Alter von 6 Jahren von seiner  depressiven Mutter alleine zurückgelassen wurde, in ein fernöstliches Land und versucht, dem Jungen eine gute Mutter zu sein und ihn zu einem tüchtigen jungen Mann zu erziehen, dessen Traum es ist, Chirurg zu werden.

Antoine trifft als junger Arzt auf die lungenkranke Ni Lou, die Tochter einer Perlentaucher – Familie. Sicher ahnen Sie jetzt schon, dass Ni Lou eines der vertauschten Kinder ist. Ihre Geburt, oder besser, ihr Leben mit ihrer Behinderung, hat das Leben ihrer Familie sehr zum Besseren gewendet. Denn die Familie ist in der Sorge um Ni Lou fest zusammengewachsen. Ni Lou lebt in den Traditionen ihrer Familie und ist glücklich und mit sich im Reinen.

Das Ende des Buches, das im Übrigen in einer undefinierbaren Zeit spielt, in der man noch tagelang zu Fuß und in Dampflokomotiven auf Reisen ist, in der es keine modernen Kommunikationsmittel gibt, wohl aber eine Lungentransplantation, war mir persönlich etwas zu viel Happy End.

Trotzdem empfehle ich diesen Roman wegen des ruhigen, nachdenklichen sprachlichen Stils und den sehr bedenkenswerten psychologischen und philosophischen Aussagen über das Glück, über Schuld und wie sich alles letzten Endes so fügt, wie es sein soll. Jeder hat seine ganz spezielle eigene Farbe des Glücks.

Marie-Therese Fritzen-Einfeldt
(Diplom-Bibliothekarin)

Ein Kindersachbuch über die Angst

Rezková, Milada
Wer hat Angst vor der Angst?
Das große Buch über die Angst, nicht nur für kleine Angsthasen
Basel: Helvetiq, 2021

Cover aus Koha

Standort: SK = Sachbuch Kinder
Signatur:PSY 140,1 R

Dieses Kinderbuch aus dem Tschechischen überzeugt nicht nur aufgrund des Themas, sondern auch durch die Aufmachung. Am Anfang stellt sich die Angst, dargestellt durch den großen schwarzen Punkt, vor und erklärt, vorher das Wort Angst kommt, nämlich aus dem Lateinischen! Der kleine Max begegnet der Angst im Wald und findet heraus, woher sie kommt und warum Eltern Kindern hin und wieder etwas verbieten.

In sehr großer Schrift und vielen bunten Bildern werden auf sehr kindgerechte, verständliche Weise die Herkunft und das Wesen der Angst beschrieben. Die Bilder sind teilweise urkomisch und verführen, zumindest uns Erwachsene, zum Lachen. Es wird erklärt, dass die Angst eine Emotion ist und ihren Ursprung im Gehirn hat. Ihre Freunde sind Freude, Trauer und Zorn.

Es gibt angeborene und erlernte Angst. Und wenn Mama und Papa schimpfen und etwas verbieten, dann nicht, weil wir ihnen auf die Nerven gehen, sondern, weil sie Angst um uns haben. Sie wollen uns beschützen. Wenn wir Angst haben, geschehen seltsame Dinge in unserem Körper, wir zittern, bekommen vielleicht Gänsehaut, das Herz schlägt ganz schnell und vieles mehr. Angst haben nicht nur Kinder, auch die anderen Generationen kennen das Gefühl. Sogar Tiere haben Angst, sei es vor Feinden oder zum Beispiel,dass sie genug zu fressen für sich und ihren Nachwuchs finden.

Angst gibt es in vielen Formen: als Sorgen, als Beklemmung, als Grausen, als Erschrecken, als Panik, als Phobie.

Es macht großen Spaß sich mit diesem Buch zu beschäftigen und auf so amüsante Weise so viel über das Thema Angst zu erfahren.

Marie-Therese Fritzen-Einfeldt
(Diplom-Bibliothekarin)

Urlaubsausbeute für alle Wetterlagen – 3 Buchtipps

Lebenssekunden

Cover aus Koha

Fuchs, Katharina
Lebenssekunden
München: Droemer, 2021

Standort: SL (Schöne Literatur)
Signatur: FUCH

Wenn man, wie ich, nicht nur wettertechnisch in den Urlaubsaktivitäten ziemlich ausgebremst ist, freut man sich doch umso mehr über anregende, interessante und erfreuliche Lektüre.

Der Roman von Katharina Fuchs katapultierte mich in Kindheits- und Jugenderinnerungen zurück, denn ich habe damals in der DDR lebende Geschwister. Er spielt in den Jahren 1956-1961. Angelika Stein, eine junge Kasslerin, wird wegen ungebührlichen Betragens von der Schule verwiesen, was sich im Nachhinein als Glück erweist. Denn so ist sie nicht in der Schule, als dort ein Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg explodiert und ihre beste Freundin ums Leben kommt. Das Foto dieses Unglücks in der Presse schockiert sie zutiefst. Sie interessiert sich schon lange für die Kunst des Fotografierens und hat das Glück eine Fotografen-Lehre machen zu dürfen.

Christine Magold, Tochter eines Republikflüchtigen, lebt zur gleichen Zeit in Berlin in der DDR und wird mit brutalsten Mitteln zur Leistungsturnerin, Spezialdisziplin Barren, ausgebildet. Zu ihrer Ausbildung gehören ein perfider permanenter politischer Druck auf sie und ihre Familie, strikte Nahrungszu-teilung und dadurch ständige Hungergefühle und auch von oben verordnete Körperverletzung, um dem ostdeutschen Bild einer Leistungsturnerin zu entsprechen. Wenn sie nicht spurt, droht ihrem Bruder der Verlust seines Studienplatzes.

Anfangs dürfen die DDR Turner noch an internationalen Wettkämpfen im westlichen Ausland teilnehmen. Staatsziel ist die Olympiade in Rom 1960, zu der aber die Frauen aus fadenscheinigen Gründen nicht fahren dürfen.

Angelikas Lehrherr ist der leibliche Vater von Christine. Angelika geht in den späten 50igern zum „Tagesspiegel“ nach Berlin und versucht sich in einer Männerdomäne ihren Platz zu erobern. Sie fotografiert Willy Brandt und macht sich einen Namen mit ihren Fotos, die anders sind, weil sie einen Blick für die besonderen Momente, die „Lebenssekunden“, hat.

So ist sie 1958 zur Stelle, als die Familie versucht, Christine in den Westen zu bringen, sie aber im Westsektor von den DDR-Behörden eingefangen und zurückgebracht wird. Und sie ist im rechten Moment an Ort und Stelle, um die Sekunde aufs Bild zu bannen, in der sich am 13. August 1961 Christine und ihre Eltern mit Hilfe zusammengeknoteter Bettlaken aus dem Fenster ihrer Wohnung in der Bernauer Str. in die Freiheit retten.

Dieser Roman im Spannungsfeld zwischen beruflicher weiblicher Emanzipation und bespitzelter DDR-Ausbildung lässt sich sehr gut lesen, einziges Manko: das Buch ist von Verlagsseite ärgerlich schlecht redigiert.

Weiter als der Ozean

Cover aus Koha

Turansky, Carrie
Weiter als der Ozean
Aßlar: Gerth Medien, 2021

Standort: SL-Historisches(Schöne Literatur)
Signatur:TURA

Dieser Roman über ein ziemlich dunkles Kapitel der britischen Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Schon nach den ersten fünf Seiten hatte er mich in seinen Bann gezogen und ließ mich am Ende mit einem halben Happy End zurück. Eine Fortsetzung scheint geplant!

In England werden nicht nur Anfang des 20. Jahrhunderts Waisenkinder aus armen Verhältnissen, die in Kinderheimen untergebracht sind, als Kinderemi-granten nach Kanada, aber auch nach Australien und Neuseeland geschickt. Angeblich soll sie dort ein besseres Leben in liebevollen Pflegefamilien erwarten, aber allzu oft werden sie als billige Arbeitskräfte missbraucht. Gängige Praxis zu der Zeit ist es auch, Kinder, die unverschuldet in Not geraten sind, ohne das Wissen der leiblichen Eltern, ins Ausland zu schicken.

So auch in diesem Roman. Die in prekären Verhältnissen lebende, alleiner-ziehende Mutter der Zwillinge Katie und Garth, 14, und der 7jährigen Grace kommt mit einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus. Garth, der sich nicht anders zu helfen weiß, um den Hunger der Kinder zu stillen, wird beim Stehlen eines Brotlaibes aufgegriffen und so landen alle Kinder im Heim und werden nach Kanada geschickt. Ihre erwachsene Schwester Laura versucht noch das Schlimmste zu verhindern, scheitert jedoch, weil sie zum einen nicht der amtliche Vormund der Kinder ist und zum anderen nicht die immensen Unterbringungskosten der staatlichen Heime aufbringen kann. Deshalb verdingt sie sich als Betreuerin einer weiteren Gruppe von Kindern und kommt dabei dem Anwalt Andrew Frasiers und seinem Compagnon Henry Dowd näher. Andrew und Henry untersuchen im Auftrag des Innenministeriums die Praxis der Kinderemigration, denn die Stimmen in England, die dagegen sind, mehren sich. Andrew und Laura gelingt es, wenigstens Katie kurz vor dem Erschöpfungstod zu finden und mit nach Hause zu nehmen.

Das Leben ist zu kurz für irgendwann

Cover aus Koha

Geraghty, Ciara
Das Leben ist zu kurz für irgendwann
München: Goldmann, 2019

Standort: SL (Schöne Literatur)
Signatur: GERA

Terry und Iris sind beste Freundinnen und würden füreinander durchs Feuer gehen. Aber Iris hat MS und ist so krank, dass sie beschließt, ihr Leben selbstbestimmt in der Schweiz zu beenden. Als Terry feststellt, dass Iris bereits auf dem Weg dorthin ist, packt sie ihren betagten, dementen Vater ins Auto und begleitet Iris in die Schweiz. Terrys Mann und ihre Kinder sind darüber ziemlich konsterniert. Die drei begeben sich auf eine abenteuerliche Reise durch England und Frankreich und auf Terrys Initiative hin kommt es sogar zur Versöhnung zwischen Iris und ihrer Mutter. Was die schlimmsten Tage in Terrys Leben hätten werden können, denn sie hofft immer noch, Iris von ihrem Plan abzubringen, werden trotz mancher Auseinander-setzung mit Iris ihre besten. Die drei Tage sind mit praller Lebenslust, französischem Savoir-vivre und unverbrüchlicher Freundschaft gefüllt. Terry entdeckt ungeahnte Stärken bei sich und wird Einiges in ihrem weiteren Leben ändern. Sie lernt, dass es ein Geschenk ist, das Leben zu leben, jeden einzelnen Tag.

Ich schließe mich in meinem Urteil dem Umschlag-Fazit an: „Liebevoll, witzig, Herz zerreißend – ein anrührender Roman über die Fülle des Lebens und die Kunst, Abschied zu nehmen.“

Marie-Therese Fritzen-Einfeldt
(Diplom-Bibliothekarin)

„Das Buch Ana“ Sue Monk Kidd


„Das Buch Ana“

Sue Monk Kidd
576 Seiten
btb Verlag
ISBN 978-3-442-75903-3

Standort: SL
Signatur: Kidd

Cover aus Koha

Auf den neuen Roman von Sue Monk Kidd war ich sehr neugierig. Schon einige ihrer Bücher haben mich begeistert,
ging es doch meist um Frauen, die sich gegen ihre untergeordnete Rolle wehren.

„Mein Name ist Ana. Ich war die Frau von Jesus ben Joseph aus Nazareth.“ – so der erste Satz.
Wer ist Ana? Wo kommt sie her? Wie lernt sie Jesus kennen? Was bedeutet die Heirat für die Gesellschaft dieser Zeit? Das möchte ich wissen, und so versinke ich in dem Buch und vergesse
alles um mich herum.

Ana kommt aus einer reichen jüdischen Familie. Als Mädchen ordnet sie sich nicht unter, sondern begehrt auf und darf glücklicherweise Lesen und Schreiben lernen. Sie studiert die Thora. Heimlich schreibt sie die Schicksale vieler Frauen ihrer Zeit auf, um sie für die Nachwelt zu „konservieren“. Als Ana vierzehn Jahre alt ist, soll sie mit einem alten Witwer verheiratet werden. Doch da lernt sie einen interessanten jungen Mann kennen, der ihr Herz und ihre Seele berührt: Jesus. Sie heiraten. Die Beziehung ist innig, und gleichzeitig lassen Ana und Jesus einander ihre Eigenständigkeit. Das ist in dieser Zeit eher ungewöhnlich in einer Ehe.
Ana kämpft gegen die Ungerechtigkeiten, die Frauen ständig erfahren. Sie geht ihren eigenen Weg.

Das Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert. Die Schicksale der von Ana beschriebenen Frauen machen mich wütend und traurig, zeigen sie doch deutlich immer wieder deren Benachteiligungen. Beim Lesen war ich immer wieder hin- und hergerissen.
Einerseits wollte ich schnell erfahren, wie es weitergeht, andererseits wünschte ich mir, dass der Roman nicht enden möge. Das Buch hat mich gefesselt.

Petra Schulschenk

„Diese Geschichte könnte die Welt verändern“. The Guardian

Cover aus Koha

Cover aus Koha

Cho, Nam-Jo
Kim Jiyoung, geboren 1982
Kiepenheuer & Witsch; 4. Edition

 Standort: SL-Schöne Literatur
Signatur: JO

Das Buch ist ein Porträt von Kim Jiyoung. Sie ist in Südkorea geboren und litt mit 32 Jahren an einer tiefen Depression. Sie ist gut verheiratet, hat Kinder gekriegt, aber irgendwie fühlt sie sich nicht gut.

Kim Jiyoung hat eine Schwester und einen kleinen Bruder. Die sechsköpfige Familie macht alles für das männliche Kind, die Schwestern teilen die Kleidungen, das Essen… Man merkt sehr schnell durch die Mutter, wieviel Arbeit die Frauen in dieser Gesellschaft machen müssen. Sie bleiben zuhause, kochen und sind auch oft für die Finanzen verantwortlich. Wenn der Mann nicht genug Geld verdient, müssen sie auch arbeiten.

Als die beiden Schwestern anfangen wollen zu studieren, überlegen sie vorher, wie sie das selbst finanzieren können, also nicht zu groß träumen. Die Firmen nehmen fast immer Männer und eine Anstellung zu bekommen ist schwieriger. Später erklären die Kollegen, dass die Frauen keine langen Projekte kriegen können, und  sie werden sehr selten in Führungspositionen eingestellt. Ihnen wird sowieso nach der Geburt  ihrer Kinder bald gekündigt. Fakt ist: nach der Geburt arbeiten 4 von 10 Frauen (Studie, 2015).

Kim Jiyoung ist die klassische südkoreanische Frau. Die Schriftstellerin erzählt später, dass dieses Buch eine Zusammenstellung ist. Kim Jiyoung ist eine Repräsentatin von allen Frauen, die auf Ihre Träume verzichten müssen. Der Therapeut, der das Porträt macht, erklärt später, dass viele Männer  diese Schwierigkeiten nicht verstehen können. Er ist selbst verheiratet, seine Frau ist hochgebildet, sie war im Studium besser als er und hat ihre Arbeit wirklich geliebt, aber wie Kim Jiyoung musste sie aufgeben.

Es ist heute mit Corona für die Frauen in Europa schwieriger geworden. Sie sind wieder mehr für den Haushalt und die Kinder verantwortlich. Dieses Buch zeigt ein radikales System. Das Buch ist aus diesen Gründen nicht nur für die Frauen wichtig, sondern auch für die Männer. Cho Nam-Joo integriert auch wissenschaftliche Studien, wenn man weitere Information finden will,

Unbedingt empfohlen

Caroline Weck
Bibliothekarin

Der Buchspazierer – Eine Liebeserklärung an die Welt der Bücher

Cover aus Koha

  Henn, Carsten
  Der Buchspazierer
  München: Pendo Verlag,2020

 Standort: SL-Schöne Literatur
 Signatur: HENN

Carl Kollhoff ist ein Buchhändler der alten Zunft, etwas aus der Zeit gefallen, der genau zu wissen glaubt, was seine Kunden lesen wollen. Er pflegt bestellte Bücher fein säuberlich eingepackt bei seinen Kunden auf einem Buchspaziergang abzuliefern. Seine Chefin möchte diesen Service ebenso gerne beendet wissen, wie ihn los werden, weil sie die vom Vater geerbte Buchhandlung auf modernen Standard zu bringen versucht.

Carls Kunden werden von ihm mit Namen bedacht, die aus seinem literarischen Erfahrungsschatz stammen, so dass er fast die realen Namen vergisst. So liefert er Bücher bei Effi Briest (Fontane), Herkules, dem Vorleser und Fitzwilliam Darcy (Jane Austen) aus.

Eines Tages taucht ein neugieriges kleines Mädchen auf, das ihn schon lange beobachtet und nun wissen möchte, wohin ihn seine Wege führen. Fast widerwillig lässt er zu, dass sie ihn auf seinen täglichen Runden begleitet und schließt sie in sein Herz. Mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe und ihrer Neugier findet sie innerhalb weniger Tage mehr über Carls Kunden heraus, als er in etlichen Jahren. Sie findet heraus, dass der reiche Mr. Darcy sich sehnlichst eine Frau wünscht, die er beim Lesen im Garten beobachten kann, dass der Vorleser einen Roman geschrieben hat, sich aber nicht traut diesen zu veröffentlichen, dass Effi Briest von ihrem Mann misshandelt wird oder dass Herkules nicht lesen kann.

Leider wird Carl von Schaschas Vater angegriffen, der einerseits eifersüchtig ist auf die Zeit, die Schascha mit Carl verbringt und andererseits besorgt über das Verhältnis zwischen den beiden. Das bedeutet das abrupte Ende der Buchspaziergänge, denn Carl wird schwer verletzt und zieht sich völlig von der Welt zurück. Schascha setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um Carl wieder ins Leben zurück zu holen und um mit ihm und seinen Lesern gemeinsam Ordnung in das Chaos der jeweiligen Leben zu bringen.

Es handelt sich um ein ausgesprochen entzückendes Buch. Die Liebe, die Carl mit seinen Büchern und seinen Lesenden verbindet, spricht aus jeder Zeile. Und der Enthusiasmus, mit dem Schascha einfache Lösungen anstrebt wärmen das Herz. Als Team sind beide unschlagbar!

Marie-Therese Fritzen-Einfeldt
(Diplom-Bibliothekarin)

Einfach Ölmalen Landschafts- und Naturmotive in nur 6 Schritten

Cover aus Koha

Cover aus Koha

Martina Lenhardt
Standort: KU 942,1
Verlag: Igling Edition Michael Fischer 2020

 

„Motive zum Malen gibt es sprichwörtlich wie Sand am Meer. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, was wir malen, sondern dass es ein Motiv ist, welches uns emotional anspricht. Behaftet mit schönen Erinnerungen, können wir so Erlebnisse auf unserer Leinwand verewigen und uns immer wieder daran erfreuen.“

 

In einer Bücherei gibt es nicht nur Romane, man kann auch Kunstbücher entdecken. Draußen liegt gerade Schnee, wir können durch das Fenster schauen, und unsere eigene Skizze davon machen.

Martina Lenhardt hat dazu ein Buch geschrieben. Das Buch ist sehr hilfreich und erklärt wie man Landschaften malen kann.

Es gibt mehrere Motive, die durch 6 Schritte erklärt werden. Man braucht sehr wenig Farben und man kann immer mischen, wenn eine Farbe noch fehlt. Für die Autorin gibt es fast nur vier Farben, die man fertig kauft, wenn man Landschaften malen will, und grün ist keine davon 😉.

Das Buch ist für Anfänger gedacht, aber jeden kann dort auch Inspiration finden.

Viel Spaß beim Malen,
Caroline Weck
Bibliothekarin

Ein biografischer Roman für Musikliebhaber

http://cover.ekz.de/9783455009606.jpg

Cover aus Koha

Peters, Maria
Die Dirigentin
Hamburg: Hoffmann und Campe, 2020

Standort: SL
Signatur: Pete

Antonia Brico wächst in den 1920iger Jahren in Amerika in finanziell schwierigen Zeiten als Willy Wolters auf. Ihre Mutter ist sehr streng und wenig liebevoll, nur ihr Vater versucht ihr ein wenig  Wärme zukommen zu lassen. Früh bekommt sie ein vom Sperrmüll gerettetes Klavier geschenkt, das fortan ihr größter Schatz ist.

Ihr großer Traum ist es Dirigentin zu werden und sie lässt sich von äußeren Problemen nicht unterkriegen und kämpft hart für ihr Recht und ihre Karriere. Die Männerdomäne der Musiker bietet ihr im besten Fall musikalischen Unterricht, aber eher um sie zu sexuellen Handlungen zu überreden.

Als es zwischen ihrer Mutter und ihr zu einem heftigen Streit kommt, erfährt sie, dass sie nicht das leibliche Kind ist, sondern von ihrer biologischen Mutter angeblich zum Höchstgebot verkauft wurde. So macht sie sich auf in die Niederlande, um nach ihren Wurzeln zu suchen und um ihr Vorbild, den Dirigenten Mengelberg, um Unterricht zu bitten. Dieser schickt sie mit einem wenig schmeichelhaften Schreiben nach Hamburg zu Karl Muck. Nebenbei studiert sie an der staatlichen Musikakademie in Berlin.

Ihrer großen Liebe Frank, einem Mitglied der High Society, entsagt sie, um ihrem Lebensziel  zu folgen. Trotzdem unterstützt er sie ein Leben lang und ebnet ihr mit seinem Geld und seinen Beziehungen manchen Weg. 1930 debütiert sie bei den Berliner Philharmonikern. In Amerika gründet sie die New York Women’s Symphony, ein Orchester ausschließlich aus Frauen, mit dem sie vier Jahre äußerst erfolgreich war. Eine ihrer großen Fürsprecherinnen war die Frau von Präsident Roosevelt.

Bestechend an diesem Buch sind die Kapitel, in denen die verschiedenen Protagonisten ihre Sicht der Dinge schildern. Einmal  Antonia selbst, die von ihren Kämpfen und ihren Erfolgen berichtet, dann Frank, der sie und ihre Wünsche respektiert und sie für ihre Kompromisslosigkeit bewundert und schließlich auch ihr bester Freund Robin, der eigentlich Roberta heißt und eine Frau ist.

Man kann sich äußerst gut in die Widrigkeiten hineinversetzen, denen sich Antonia Brico entgegenstellen musste, um als Frau ihren Traum leben zu dürfen, denn damals hatten Frauen in der Gesellschaft noch nicht viel zu sagen. Der Roman wurde 2018 auch verfilmt.

Marie-Therese Fritzen-Einfeldt
(Diplom-Bibliothekarin)